Liebe Leserin, lieber Leser,
manchmal merkt man es zuerst am Wind. Er fühlt sich anders an als noch vor ein paar Wochen. Die Abende werden kühler. Das Licht fällt weicher durch die Bäume. Und irgendwann liegt das erste bunte Blatt auf dem Weg. Fast unbemerkt beginnt sich etwas zu verändern. Der Sommer geht.
Vielleicht fällt uns das Abschiednehmen gerade deshalb so schwer, weil der Sommer für vieles steht, was wir gerne festhalten würden: Wärme. Leichtigkeit. Lange Abende. Urlaubstage. Begegnungen. Dieses Gefühl, dass noch ganz viel Zeit vor uns liegt. Aber das Leben lässt sich nicht festhalten.
„Alles hat seine Zeit“, heißt es im Buch Prediger. „Geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit; pflanzen hat seine Zeit, ausreißen, was gepflanzt ist, hat seine Zeit.“
Ich mag diese alten Worte. Vielleicht, weil sie nichts beschönigen. Sie wissen, dass unser Leben aus Zeiten besteht. Aus Anfängen und Abschieden. Aus Lachen und Weinen. Aus Festhalten und Loslassen. Und manchmal aus beidem gleichzeitig.
Wir Menschen würden uns vermutlich am liebsten die schönen Zeiten aussuchen. Den Sommer ohne Herbst. Das Wiedersehen ohne Abschied. Die Liebe ohne die Angst, jemanden zu verlieren. Das Älterwerden ohne seine Schattenseiten.
Doch vielleicht liegt gerade darin ein Geheimnis des Lebens: dass nicht alles bleiben muss, um wertvoll zu sein. Ein Sommertag wird nicht weniger schön, weil er zu Ende geht. Eine Begegnung nicht weniger kostbar, weil man sich wieder verabschieden muss. Und ein Augenblick verliert seinen Glanz nicht dadurch, dass er vergeht. Vielleicht ist Dankbarkeit genau das: einen Moment nicht festhalten zu müssen und ihn trotzdem von Herzen zu lieben. Auch Jesus hat Menschen nicht versprochen, dass alles bleibt, wie es ist. Aber er hat ihnen versprochen, dass Gott bleibt. Durch unsere Sommer und unsere Herbste. Durch Aufbrüche und Abschiede. Durch Tage voller Licht und durch Zeiten, in denen wir den Weg vor uns kaum erkennen können. Vielleicht können wir deshalb manches ein wenig leichter loslassen. Nicht, weil es uns gleichgültig wäre. Sondern weil wir darauf vertrauen dürfen, dass unser Leben nicht allein von dem getragen wird, was wir festhalten können.
Der Wind wird sich drehen. Die Blätter werden fallen. Ein neuer Herbst wird kommen. Und irgendwann auch wieder ein Frühling.
So wünsche ich Ihnen und Euch in dieser Zeit den Mut, das Schöne zu genießen, solange es da ist. Die Kraft, loszulassen, was gehen muss. Und das Vertrauen, dass Gott auch auf den Wegen mitgeht, die wir noch nicht kennen.
Der Herbst erzählt uns auf seine ganz eigene Weise: Alles hat seine Zeit.Aber Gottes Liebe bleibt.
Es grüßt Sie/Dich ganz herzlich
und wünscht eine farbenfrohe und gesegnete Herbstzeit
Pfarrer Marcel Albert